Pirlipat

So ihr Lieben,
der Urban Hippie Log wird eingeweiht! Als erstes gibt es ein Stück Reflexion und Gesellschaftskritik mit einem ganz kleinem bisschen persönlichem Frust. ;-)

Seit ein paar Wochen friste ich den größten Teil meines Daseins unter künstlichem Licht, zwischen Unmengen Verpackungsmaterial und geschätzten 63 Ausführungen hässlichster Made-in-China-Weihnachtsengelchen. Wenn ich beim Auspacken neuer, noch hässlicherer Engelchen nicht grade für 2 arbeite, stehe ich mit wechselnden Kolleginnen an der Kasse und kompensiere die Schließung des einzigen anderen Kassenterminals auf der gesamten Etage („Jetzt können wir da viel schöner die Ware zeigen“) und unter meinem Scanner findet sich folglich alles vom Bügeleisen, über Porzellan bis zu den Engelchen.
Aber ich versuche (zumindest manchmal) das ganze positiv zu sehen. Es lassen sich hier Beobachtungen über die Gesellschaft machen, zu denen man sonst nie gekommen wäre, und so sehr es auch nach blödem Spruch klingt, an Lebenserfahrung reife ich seit ein paar Wochen wirklich im Sauseschritt.
Sieht man von der menschenverachtenden Personalpolitik mal ab, versetzen mich vor allem die Kunden immer wieder ins Staunen. An denen lassen sich nämlich zwei scheinbar divergente Verhaltensmuster ablesen.

1. „Funktioniert das auch? Können Sie das bitte mal testen?“
Es ist egal, ob es die Nespresso-Kaffeemaschine, das Markenbügeleisen oder die Lichterkette ist. Scheinbar geht der Konsument von heute davon aus, dass ihm nur Müll verkauft wird. Okay, wäre ich ein dubioser Internethändler mit Sitz in Taiwan, könnte ich diese Bedenken verstehen. Aber wieso halten mir die Menschen ernsthaft originalverpackte und versiegelte Ware anerkannter Marken unter die Nase und bestehen auf einen Vollständigkeits- Funktions- Unversehrtheitscheck? Wohlgemerkt mit der Erwartungshaltung, dass es natürlich *nicht* funktioniert, was sie da kaufen wollen. Manchmal lasse ich mich dazu hinreißen und öffne diese oder jene Verpackung, der Funktionstest wird erfolgreich bestanden mit dem Ergebnis „Ja ich überlegs mir dann nochmal“. Dass dieses Produkt dann niemand mehr kaufen wird, weil es ja schon mal geöffnet wurde, versteht sich von selbst.
Leider habe ich mich bis jetzt noch nicht getraut auf „Funktioniert das denn auch?“ mit „Natürlich nicht“ zu antworten, weil die Fragesteller immer schon so aussehen, als würden sie solchen Humor nur bedingt verstehen und teilen. Ich bin mir aber sicher, noch ein paar Wochen und ich bin so weit.

2. „Ich will das umtauschen“.
Da hatte ich bis jetzt drei Highlights (und das ist nicht erfunden):

  • Hab ich gestern gekauft, gefällt mir doch nicht (Warenwert so ca. 5 Euro)
  • Nach einem Jahr täglicher Anwendung habe ich festgestellt, dass dieser Lockenstab entweder zu kalt oder zu heiß wird, und ich damit nicht zurecht komme (hier diverse Beschimpfungen des Produkts einfügen)
  • Dieser Milchaufschäumer mit Erhitzungsfunktion ist kaputt, ich will mein Geld zurück. Es hat leider ein Jahr gedauert das festzustellen, weil gar nicht ich, sondern meine „Tochter“ in der „Schweiz“ ihn benutzt hat, und „ihr“ ist auch die Milch so darin angebrannt, dass eine unablösbare schwarze Ekelschicht entstanden ist.

Ich bin ja sooo froh, dass ich den großen Run des Geschenkeumtauschens nicht miterleben werde. Denn abgesehen davon, dass ich den Umtausch gar nicht durchführen darf und immer das vielgehasste „Moment, ich gehe jemand holen“ entsteht, ist diese Umtauschmentalität mir wirklich zuwider.
Man kann doch zu seinen Entscheidungen stehen, oder? Wenn man sich selbst etwas kauft, was schon am nächsten Tag nicht mehr gefällt, sollte man sein Kaufverhalten überdenken. Wenn man unpfleglich mit Sachen umgeht, sollte man daraus lernen. Und (to come) wenn man etwas geschenkt bekommt, das nicht gefällt, sollte man sich überlegen, wie es dazu kommen konnte und vielleicht an der Beziehung zu dem Menschen arbeiten, von dem man so falsch eingeschätzt wurde. Oder aber, man akzeptiert einfach, dass vielleicht mal etwas kaputtgegangen ist, oder man sich verkauft hat, oder jemand sich verschenkt hat. Aber das sind alles keine Optionen in der (deutschen?) Gesellschaft. Die Option lautet „grenzenlose Selbstgerechtigkeit“ in der um eigenen Bequemlichkeit und Zufriedenheit willen alles umgetauscht wird, was nicht mehr passt, funktioniert und stört. Das Fällen einer bewussten Entscheidung für oder gegen etwas wird meiner Meinung dadurch verlernt, denn es lässt sich ja alles rückgängig machen… und auf der anderen Seite wird dieses Verhalten ja gefördert, indem all diese Absurditäten anstandslos angenommen werden. Ich empfinde das als sehr ungesund. Ich war nie so ein Umtauschtyp, werde es jetzt wohl auch nie werden…

This entry was posted on Sonntag, November 21st, 2010 at 15:36 and is filed under To be or not to be. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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